BANGalore

25.11.2006 - Woche 5 - Der Sari

Freitag geht es mir so gut, dass ich mich ueberreden lasse, mit auf eine Ladies Night in einem Club namens "Tuscan Velve" zu gehen. Zwar ist mir der Zusammenhang zwischen der Toscana und Samt noch nicht wirklich gelaeufig, aber dafuer ist wenigstens der Eintritt frei. Tanzen kann ich auch noch nicht wirklich. Also sitze ich auf einer riesigen Couch, die die Form eines Mundes hat. Mir ist aufgefallen, dass in indischen Clubs die Klimaanlagen die Raumtemperatur auf Antarktis-Niveau runterkuehlen. Ueberhaupt frage ich mich, warum die Inder (und meine singapurischen Mitbewohner) so ein Fan von Klimaanlagen sind. Mir gefaellt der altmodische Ventilator viel besser. Tuscan schliesst ebenfalls um 23:30

Am Samstag planen wir (!) unser naechstes (!!!) Wochenende. Wir beschliessen nach Hampi, einer Tempelanlage in Karnataka zu fahren. In Indien gibt es eine Menge Billigfluglinien und eine davon hat fuer Ende naechster Woche Hampi in ihr Liniennetz aufgenommen. Hin- und Rueckflug kosten uns gerade mal 30 Euro. Ich freu mich besonders, weil ich gelesen habe, dass es in Hampi eine deutsche Baeckerei gibt. Was ich unglaublich vermisse in Indien sind Vollkornbroetchen und Brezeln. Eine Nacht hab ich tatsaechlich von Brezeln getraeumt. Um ein bisschen Heimatflair zu verspruehen bekommen meine Mitbewohner zum Abendessen Reibekuchen mit Apfelmus und am Sonntag zum Fruehstueck Apfelpfannkuchen. Aus irgendeinem unerklaerlichen Grund kann ich beides ohne Rezept kochen.

Am Sonntag nimmt mich Sheela mit in einen Shop namens FabIndia. Dort werden indische Produkte verkauft. Das Geschaeft ist unglaublich schoen. Die Waende sind weiss getuencht und die Raeume sind mit dunkelbraunen Regalen und hellen Holzdielen bestueckt. Es gibt eine Abteilung fuer Damen, eine fuer Herren, eine fuer Kinder und eine Hauswarenabteilung.

Die Kleidung ist sortiert nach "Western" und "Indian", doch auch die westliche Kleidung aehnelt nicht wirklich, dem was bei uns verkauft wird (Gott sei Dank). Alle Kleidungsstuecke sind aus Seide, Baumwolle oder Wolle. Kunstfasern gibt es keine und die Kleidung fuehlt sich unglaublich gut auf der Haut an. Ich kaufe eine Bluse und zwei Oberteile. Dann ueberredet mich Sheela noch eine Kurta zu kaufen. Das ist eine Art weites knielanges Kleid, dass man ueber eine Hose zieht. Schliesslich finde ich noch ein paar schoene Schals. Dann nimmt mich Sheela mit in den Sariraum. Wir sitzen barfuss auf dem Boden und kriegen nacheinander die Sarirollen praesentiert. Die Stoffe sind wirklich sehr schoen und die Farben sind einfach umwerfend. Ich kaufe schliesslich auch einen Sari. Ich bezweifel zwar, dass ich ihn jemals tragen werde, aber der Stoff ist wirklich schoen. Anschliessend sitzen wir im Innenhof und trinken Tee.

Als wir zurueck in die Stadt fahren komme ich an einem Schmuckstand vorbei. Ich sehe ein schoenes Armband und bitte den Typ neben dem Stand es mir zu zeigen. Er sagt: Nein. Ich rege mich auf, doch der Typ erklaert mir er wuerde heute nichts verkaufen. Ich verstehe dieses Land nicht...

FORTSETZUNG FOLGT

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15.11.2006 - Woche 4 - Das Paradies auf Erden

Am naechsten Morgen bin ich ziemlich verkatert und erzaehle Sheela, dass sie gestern im Suff zu mir gesagt haette, dass wir nach Goa fahren. Grade als ich mich ueber sie lustig machen will, guckt sie mich sehr ernst an und meint: "Wir fahren nach Goa. Am Freitag Nachmittag. Mit Maggie (einer polnisch-Kanadierin), Tamara (einer Gastprofessorin aus Schweden, die erst 25 ist und eigentlich Halbsyrerin und Halbpalestinerin ist) und Claudio (dem anderen Gastprofessor, Anfang 30 aus Italien)" Und ich kann es erst wirklich glauben, als wir am Nachmittag die Tickets in der Hand halten. Wir werden mit einer indischen Billigairline fliegen und den Bus zurueck nehmen. Rohinni ist total aufgeregt. Sie war schon neun mal mit ihrem Freund in Goa und liebt den Strand. Sie will uns rumfuehren und jetzt schon, wo wir wohnen, essen, feiern und trinken werden.

Und tatsaechlich haelt die asiatische Spontanitaet, was sie verspricht. Am Freitag nachmittag sitzen wir am Flughafen und warten auf unseren Flug, der zwei Stunden Verspaetung hat. Ich hab immer noch Halsschmerzen und hatte die letzten Tage ein wenig Fieber, so dass ich ziemlich muede bin. Als wir letztendlich im Flugzeug sitzen, schlafe ich sofort ein. Richtig wach werde ich erst wieder, als wir mit unseren Rucksaecken am Taxistand stehen und um den Preis feilschen.

Schliesslich sind wir uns einig mit dem Fahrer und machen uns auf den Weg nach Anjuna, dem angeblichen Backpackerstrand Goas. Dort angekommen laufen wir mit unseren Rucksaecken durch ein ziemlich verschlafenes Nest bis wir den einzigen Zugang zum Strand erreichen. Er liegt ziemlich versteckt und fuehrt an einem Restaurant seitlich vorbei. Sheela rutscht mit ihren FlipFlops auf dem Miniabhang und sitzt erst einmal auf dem Po. Es ist ziemlich dunkel und wir tapsen durch den trockenen Sand und sehen dabei wahrscheinlich aus, wie die letzten Idioten. Schliesslich erreichen wir unser Gasthaus. Es hat einen wunderschoenen langgezogenen Innenhof, um den die kleinen Zimmer in U-Form angerichtet sind. Zwischen den Saeulen haengen Haengematten und der Hof ist mit tropischen Gewaechsen (deren Namen ich nicht kenne bepflanzt). Die Zimmer sind sehr klein und bestehen nur aus einem Bett einem in die Wand gelassenen Regal und einem Badezimmer mit Dusche und Toilette (allerdings ist die Dusche nur ein Knopf der aus der Wand kommt, eine Kabine gibt es nicht). Alles ist unglaublich sauber.

Wir laden nur unsere Sachen ab und machen uns auf den Weg zu einem italienischen Restaurant in Bagar, dem Touri-Zentrum von Goa. Dort treffen wir dann auch Tamara und Claudio, die nicht in Anjuna uebernachten. Maggie meint ich sollte einen Wodka mit Zitrone und Zucker trinken, das wuerde meinem Hals helfen. Und das tut es tatsaechlich auch. Das Essen hingegen ist nicht wirklich toll und fuer Indien, selbst fuer deutsche Verhaeltnisse, sind die Portionen unglaublich klein.

Nach dem Essen sitzen wir in einer Strandbar und trinken Cocktails, bis wir irgendwann alle so betrunken sind, dass wir in die Trance-Disco Mambos gehen und dort bis ca. 6 Uhr morgens auf diese graessliche Musik tanzen. Wir fahren im Morgengrauen mit dem Taxi zurueck nach Anjuna und auf der Fahrt wird mir erst bewusst, wie wunderschoen Goa doch ist. Es liegt kein Muell am Strassenrand. Alles ist unglaublich gruen, mit vielen Palmen und hohen Graesern. Auf der Strasse kurz vor Anjuna steht eine Kuhherde, die unser Fahrer beiseite hupt. Danach fallen wir nur noch ziemlich k.o. ins Bett.

Am naechsten Morgen, ich sollte wohl besser sagen Mittag, essen wir unser Fruehstueck am Strand. Es gibt Muesli und Obst und Milchshake. Danach liegen wir vor einer Shack (Strandhuette) und sonnen uns. Rohinni kann nicht schwimmen und traut sich nicht ins Wasser. Als ich hinein gehe merke ich, dass es vielleicht keine so schlechte Idee ist, dass sie nicht baden geht. Die Unterstroemung ist unglaublich stark, genau wie die Gezeiten, wie ich spaeter feststelle.

Maggie quatscht eine Gruppe Englaender an, die in der Shack, vor der wir sitzen uebernachten. Und so verbringen wir unseren gesamten Tag dort. Abends sitze ich mit Nigel und Sheela zusammen und wir spielen Poker, um kleine Geldbetraege. Ich weiss nicht, ob es am Klima oder an der See oder an Goa generell liegt, aber wir merken nicht, wie die Zeit umgeht und erleben einen wunderschoenen Sonnenaufgang am Strand. Gegen Sonnenaufgang kommt auch eine Kuhherde zum Strand und waelzt sich im Sand, die Szene hat etwas sehr bizarres.

Wir gehen zurueck in unsere Unterkunft und schlafen ein paar Stunden. Unser Fruehstueck nehmen wir wieder am Strand ein. Diesmal kommt eine Frau mit einem Obstkorb vorbei und es gibt frische Ananas. Waehrend wir in der Sonne liegen kommen Rohinni und Maggie auf die Idee noch laenger in Goa zu bleiben. Ich bin mir unsicher. Zwar ist Goa einer der schoensten und entspanntesten Orte, die ich seit langem gesehen habe, aber auf der anderen Seite hab ich doch Angst davor zuviele Kurse zu verpassen. Schliesslich verabschieden Nigel, Sheela und ich uns von den beiden und machen uns auf den Weg zur Busstation. Wir kommen zu spaet an, aber der Bus hat eh eine Stunde Verspaetung. Wir kaufen noch Fheni (lokaler Schnaps in Goa) und Wein und waehrend wir auf den Bus warten merke ich wie es mir immer schlechter geht. Ich schiebe es auf den Sonnenbrand und bin froh, als ich mich in mein Bett im Bus legen kann. Grade als ich eigeschlafen bin wird der Vorhang aufgerissen und ein anderes deutsches Maedchen kriegt vom Conductor gesagt, dass sie sich zu mir legen soll. Also liegen wir auf ca. 90 cm und ich kriege langsam ein ziemlich starkes Fieber. Das Maedchen ist sehr nett und erzaehlt mir, dass sie jetzt schon drei Jahre in Indien ist und in einer Meditationsschule im Norden arbeitet. Leider hilft das meinem Fieber auch nicht und als wir letztendlich in Bangalore aussteigen tun mir alle Knochen weh und ich fuehle mich wie ein gekochter Hummer. Zu allem Uebel sagt uns der Rikshawfahrer auch noch irgendeinen horrenden Preis. Ich bin einfach nur muede und mecker ihn an, dass er keinen Mist erzaehlen soll. Wahrscheinlich war ich so unfreundlich, dass er uns letztendlich doch zum regulaeren Preis faehrt.

Zu Hause angekommen falle ich ins Bett. Als meine Mitbewohnerin mich spaeter weckt, meint sie ich haette wohl Fieber. Als ich messe zeigt das Thermometer 40 C. Ich kann mich kaum bewegen, weil sich meine Knochen anfuehlen wie Stahl.

Am naechsten Tag sagt mir der Arzt, dass ich das Chikuyunga-Fieber haette. Nicht gefaehrlich, aber eine Woche Bettruhe ist angesagt. Ich erfahre, dass Chikuyunga, die Krankheit des gebeugten Mannes heisst und bei meiner Humpelei kann ich mir das auch gut vorstellen. Selbst die Arztrechnung, die grade einmal 200 Rs (4 Euro) anzeigt, kann mich nicht aufmuntern.

Die naechsten Tage verbringe ich im Bett, doch Gott sei Dank geht es von Tag zu Tag besser...

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15.11.2006 - Woche 3 - Our house in the middle of the street

Die Woche faengt relativ normal an. Donnerstag hab ich frei und am Freitag zwei Kurse. Einer davon faellt aus. Das ist hier ein relativ haeufiges Phaenomen. Man kommt morgens in den Seminarraum und findet entweder eine Nachricht an der Tafel oder hoert von Kommilitonen "No Class". Manchmal erscheint es, als waeren viele Professoren genauso unmotiviert, wie einige Studenten.

Am Samstag abend kann ich Nigel und Rohinni endlich ueberzeugen, mich ins Nachtleben von Bangalore zu fuehren. Wir wollen in einem sehr schicken Restaurant ("Ebony") essen und danach in einen Club namens "Spin" gehen. Rohinni ist Stammkundin bei "Ebony" aber trotzdem scheint es heute abend nicht wirklich moeglich zu sein, einen Tisch zu bekommen. Wir warten vor dem Restaurant. Ich hab das Gefuehl, dass ich vor Hunger sterbe. In Indien gibt es das Abendessen meistens erst gegen neun Uhr abends. Anscheinend hat mein Appetit sich noch nicht wirklich daran gewoehnt. Schliesslich kriegen wir dann doch einen Tisch. Rohinni bittet den Koch ihr ein Gericht zu kochen, was nicht mehr auf der Karte steht. Der Koch grinst und meint: "As usual? No black pepper, right?" Das Essen ist wirklich sehr lecker, allerdings ist es schon kurz nach zehn, als wir fertig sind. Ich versteh anfangs nicht, warum sich Rohinni und Nigel Gedanken um die Zeit machen. Zehn Uhr erscheint mir als die perfekte Zeit, um in einen Club zu gehen, aber ich werde eines besseren belehrt. In Indien gibt es noch die gute alte Sperrstunde und die ist um 23:30 Uhr. Uns bleibt im Club grade noch die Zeit einen Drink zu nehmen und auf zwei, drei Lieder zu tanzen. Rohinni troestet mich und meint, dass wir das naechste Mal garantiert frueher los gehen. Wieder an der Uni angekommen sitzen wir noch bei ihr im Zimmer und reden. So komme ich trotzdem erst um 3 Uhr ins Bett.

Und werde am naechsten Morgen um neun Uhr von Nigel geweckt. Er will mit mir einen Vermieter treffen. Ziemlich missmutig stapfe ich mit zum Haus, das ungefaehr einen Kilometer von der Uni entfernt ist. Die Wohnung hatten wir uns schon ein paar Tage zuvor angesehen. Sie ist ganz neu, sehr gut durchdacht und sehr schoen tapeziert. Jetzt sitzen wir beim Vermieter und Nigel handelt den Preis runter. Am Ende kriegen wir sogar noch einen Boiler umsonst. Als ich den Vermieter frage, wann wir einziehen koennen, meint er: "Sofort"

Unser Mietvertrag besteht vorerst aus einem Handschlag und wir beschliessen die Haelfte des Preises fuer einen Kuehlschrank zu zahlen, den unser Vermieter nach unserem Auszug uebernimmt. Damit wir die Sachen transportieren koennen, besorgen wir uns ein Auto, das wir ruckzuck randvoll beladen. Unser Umzug dauert grade mal eine Stunde. Danach fahren wir (!) in ein grosses Kaufhaus und besorgen uns Pfannen, einen Gaskocher, Lebensmittel und alles, von dem wir sonst noch glauben, dass wir es brauchen. Ankansha (unsere indische Mitbewohnerin) dekoriert die Wohnung mit Filmpostern. Es sieht wirklich sehr gut aus, abgesehen von der Tatsache, dass ueber meinem Bett ein Plakat mit der Aufschrift "Failure to Launch" haengt. Abends gibt es Spaghetti mit Tomatensauce als WG-Einweihungsessen.

Das Auto haben wir fuer die Nacht behalten, um Sheela vom Flughafen abzuholen. Sie weiss noch nichts von ihrem Glueck. Als wir gegen 23:00 Uhr zum Auto kommen, liegt eine Plastiktuete auf der Motorhaube. Rohinni guckt vorsichtig rein und wird kreidebleich. Ich frage sie, was in der Tuete ist und sie erklaert mir, dass uns jemand verfluchen wolle. In der Tuete waeren Haare und Reis und andere Zutaten, die im hinduistischen Glauben fuer schwarze Magie verwandt werden. Nigel schmeisst die Tuete weg und als wir Sheela mit verbundenen Augen in die neue Wohnung fuehren haben wir den ganzen Spuk schon vergessen. Sheela teilt sich ein Zimmer mit mir und ist uebergluecklich. Sie fuellt unsere Schraenke mit Suessigkeiten und Instantgerichten, die sie aus Singapur mitgebracht hat. Zwischendrin fragt sie mich: "You know Maggie?" und zeigt mir eine Tuete Fertignudeln. Sie faellt fast vom Glauben ab, als ich ihr sage, dass es eine deutsche Firma ist.

Als wir am naechsten Morgen das Auto zurueck geben wollen, bemerken wir, dass jemand (offensichtlich die gleiche Person, die uns "verflucht" hat) unsere Reifen zerstochen hat. Nach dem ersten Schock starten wir die lustige Aktion "Vier Jurastudenten wechseln einen Reifen". Am Ende faehrt das Auto auf jeden Fall wieder.

Doch die Freude ueber unser neues Zuhause ist groesser als der Aerger ueber die zerstochenen Reifen.

Am Mittwochabend beschliessen wir unser neues Zuhause im Club "Hint" zu begiessen. Vorher gehen wir in ein Restaurant neben an, das "Copper Chimney" heisst und sehr gutes indisches Essen serviert. Sheela geht vorher zum Club und redet mit dem Tuersteher. "Hint" ist ihr Stammclub und sie kennt alle Tuersteher und Barkeeper. In kuerzester Zeit stehen wir auf der Gaesteliste (d.h. wir brauchen keinen Eintritt zu zahlen)

"Hint" hat einen Sitzbereich mit Blick auf die Tanzflaeche und eine riesige Bar. Eine Glastuer fuehrt zu einer ueberdachten Terasse mit einer weiteren Bar und einem Sitzbereich. Die halbe Uni ist versammelt. Irgendwann gegen 23:00 Uhr faellt Sheela mir ziemlich betrunken um den Hals und lallt: "Wir fahren dieses Wochenende nach Goa". Ich hebe mein Glas und sage: "Auf Goa" und denke im gleichen Moment: "Oh man, die hat sie echt nicht mehr alle"

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19.10.2006 - Woche 2 - Do I look like I speak Karnata

Mittlerweile ist die erste Woche rum und ich hab mich immerhin schon ein bisschen eingelebt. Es gibt allerdings noch immer Dinge, die mir ein bisschen komisch vorkommen. Eine solche Szene ergab sich zum Beispiel gestern.

Nigel erzaehlte mir, dass unsere Uni-Mannschaft ein Fussballspiel gegen eine andere Mannschaft aus der Gegend habe. Ich bin mit ihm zum Fussballfeld gelaufen. Der Weg fuehrte durch einen Jungle, allerdings auf einer asphaltierten Strasse. Alles in allem sehr schoen. Als wir am Fussballfeld ankamen sagte uns der Guard (ja, vor jeder halbwegs staatlichen Einrichtung sitzen hier Wachen), dass das Spiel woanders waere. Also liefen wir ungefaehr eine halbe Stunde in die Richtung, die er uns gezeigt hatte. Irgendwann wurde uns klar, dass etwas nicht stimmen konnte und wir fuhren mit einer Rikshaw zurueck. Wieder dort angekommen trafen wir Claire und ihren Freund Ankid. Der sprach mit dem Guard in Hindi, doch man wollte uns nicht auf das Sportfeld lassen. Als ich Ankid fragte, was der Guard gesagt hatte, meinte er, er haette keine Ahnung. Mit der Zeit kamen immer mehr Fussballspieler. Alles Inder. Jeder von ihnen sprach mit dem Guard. Der letzte, der von dem Gespraech wieder kam, wurde von allen gefragt, was denn nun los sei und er meinte nur: "What the fuck do I know. Do I look like I speak Karnata?" Claire erklaerte mir das Phaenomaen, was mir schon seit einiger Zeit aufgefallen war. Wer auch immer Hindi sprach, hatte keine Ahnung von der Sprache, die die Leute hier sprechen. Das Karnata, der lokale Dialekt, scheint sehr eigen zu sein.

Die oben geschilderte Szene setzte sich so fort, dass wir schliesslich doch auf das Feld durften, die Jungs ein paar Minuten warteten und schliesslich gegeneinander spielten, weil das gegnerische Team nicht auftauchte. Das kam ca. zwanzig Minuten bevor es dunkel wurde und unser Team schon kaputt war. Das Spiel dauerte letztendlich auch nur eine Viertelstunde.

Am Wochenende war ich unter Anderem mit Nigel und Rohinni einkaufen. Das ist hier immer ein Erlebnis. Man wird von vorne bis hinten betuedelt. Ich hab unter Anderem ein paar Computerspiele gekauft. Als ich in den Shop reinkam, war ich zunaechst ueberrascht, dass nur uralte Spiele ausgestellt waren. Ich hab dem Besitzer gesagt, was ich haben wollte und er zauberte aus einer Spielebox eine Liste mit saemtlichen neuen Spielen hervor. Die teuersten sollten 3 Euro kosten. Ich hab mir zwei ausgesucht und wurde 10 Minuten lang belustigt, bis ein kleiner Junge mit zwei gebrannten CDs kam. Als wir Rohinnis Handy oder meine Tasche gekauft haben, ging es aehnlich. Man setzt sich, trinkt Tee, redet und einigt sich irgendwann.

Ich hab auch noch ein paar indische Buecher gekauft. Es gibt hier wirklich eine Menge Buchlaeden, die eine sehr grosse Auswahl haben. Ich hab unter Anderem das Buch Maximum City gekauft. Es handelt von Bombay und ist beruehmt hier. Fast jeder meiner Kommilitonen kennt es. Und es ist wirklich toll zu lesen. Es ist eine richtig gute Mischung aus persoenlichen Erfahrungen, die der Autor als er nach 21 Jahren mit seiner Familie zurueck nach Bombay kommt macht, und historischen bzw. politischen Fakten.

Am Montag sag ich den anderen, dass ich frueh aufstehen werde und mich um die Kurse kuemmere. Montag soll die Uni anfangen, aber es gibt Sonntag abend noch immer keinen Stundenplan. Als ich morgens um halb zehn im Office stehe gilt noch dasselbe. Ich soll um eins noch einmal wieder kommen. Dann heisst es schliesslich, dass der Stundenplan am Abend rauskommt und alle Kurse ausfallen. Abends stell ich fest, dass diese Woche fuer mich sehr entspannt zu Ende gehen wird. Ich habe immer Dienstags und Donnerstags frei und Mittwoch ist ein Feiertag. Effektiv geht es fuer mich also am Freitag und Samstag los. Sehr erfreut darueber fahren wir in die Stadt und essen chinesische Nudeln. Als wir das Restaurant, das in einem der groessten und neusten Kaufhaeuser liegt, verlassen, kommt eine Frau zu uns und meint wir saehen so gelangweilt aus. Sie haette in der Disco oben eine Party und wir sollten doch kommen. Es gebe Freigetraenke und Jobangebote fuer Auslaender. Sie hiesse Sonia und wir sollten nach ihr fragen. Nachdem wir unseren Kaffee getrunken haben, gehen wir tatsaechlich in die Disco. Rohinni erklaert mir, dass dies so etwas wie die Stammdisco von ihr, Nigel und Sheela waere. Als wir reinkommen, ist jedoch keine Jobparty und es gibt auch keine Freigetraenke, sondern nur ein ganz normaler Clubabend. Ich kann abwechselnd Rohinni und Nigel dazu animieren mit mir die Tanzflaeche zu stuermen. Ich freue mich immer mehr darauf, wenn Sheela (meine Zimmergenossin) kommt und wir richtig ausgehen. Der Club ist echt sehr schick und die Musik gut.

Der Dienstag ist schliesslich auch fuer alle Studenten frei, weil ein Sportfest ist. Es kommen Studenten aus ganz Indien. Grade als ich ein bisschen verloren in der Gegend stehe werde ich von zwei Kommilitonen aufgegabelt und mit zum Fussballfeld geschleppt. Als deutsches Maedchen muss ich doch ganz wild auf unseren Nationalsport sein. Und ehe ich mich versehe, stehe ich tatsaechlich mit ca. 20 anderen Studenten am Spielfeldrand und feuere das Team an. Leider verlieren wir. Mist! Also fahre ich mit einem Kommilitonen zurueck zur Law School und gehe zum Basketball-Field. Diesmal mit einem T-Shirt von der NLSIU. Als Nigel mich fragt, was ich jetzt machen will, sage ich ihm: "Cheer for my team" Ich bin genauso verwundert, wie er ueber meinen Auspruch. Es ist jetzt mein Team, zumindest fuer die naechsten drei Monate und der Spirit der anderen Studenten, die alle anfeuern und klatschen ist echt ueberwaeltigend. Ganz anders als bei uns in Deutschland. Und keine guckt komisch, obwohl ich Leute anfeuere, die ich kaum bis gar nicht kenne. Abends gehe ich mit Nigel und einer Kommilitonin in eine Sushibar in der Stadt. Das Essen ist wirklich sehr gut, allerdings auch ein bisschen teurer als normale Restaurants in Indien. Spontan beschliessen wir beim Essen am naechsten Tag einen Ausflug zu machen. Unsere Wahl faellt auf die Nandi Hills ca 2 Stunden mit dem Bus von Bangalore entfernt.

Am naechsten Morgen irren wir, wie die Deppen am Busbahnhof umher, bis wir schliesslich den Bus nach Nandi gefunden haben. In Bangalore gibt es ein sehr ausgekluegeltes Bussystem, mit dem man bis nach Delhi reisen kann. Und das fuer einen Spottpreis. Unser Trip kostet grade mal einen Euro pro Person hin und zurueck.

Der Bus ist voller Muslimen, die heute das Ende des Ramadan feiern wollen. Obwohl ich relativ muede bin, kann ich nicht einschlafen. Zum ersten Mal sehe ich die Gegend um Bangalore herum. Je mehr wir uns von der Stadt entfernen desto besser wird die Luft. Wir fahren durch kleine Doerfer, die alle meistens aus einer Strasse mit verschiedenen Shops bestehen. Ueberall laufen Hunde und Kuehe und sogar Huehner umher.

Irgendwann tauchen mitten in der Landschaft die Nandi Hills auf. Die Berge erheben sich wie Kamelhoecker ziemlich steil nach oben. Aus dem Fenster kann ich eine Menge freilaufender Affen beobachten. Der Bus quaelt sich waehrenddessen um jede einzelne Serpentine 1600 Meter in die Hoehe. Dort angekommen, mache ich erst einmal Bekanntschaft mit der schlimmsten Toilette der Welt. Dann kaufen wir unsere Ticket (ca. 1 Cent pro Person) und betreten die Anlage. Die Luft hier oben in den Bergen ist kuehl und sauber. Ganz anders als in Bangalore. Die Anlage ist riesig, dabei bedeckt sie nur den Gipfel von einem von vielen Bergen. Direkt am Eingang ist ein riesiges Taufbecken, in dem Fische schwimmen. Der gesamte Gipfel ist mit Pflanzen, teilweise angelegt, teilweise nur Dschungel, bedeckt. Soviel gruen habe ich bis jetzt in Indien noch nicht gesehen. Wir kommen zu einem Tempel. Am Eingang ziehen wir die Schuhe aus und gehen barfuss ueber die kalten Steine durch den Komplex. Wir kommen in einen Gebetsraum und begegnen dort zwei Priestern, die uns fragen, wo wir herkommen. Schliesslich veranstalten sie eine Puja (Opferzeremonie) fuer uns. Wir bekommen ein Aschebindi und heiliges Wasser zu trinken und werden gesegnet. Nachdem wir gespendet haben, bekommen wir Blumen und kleine Opfergaben (Datteln, Zuckerwuerfel...) geschenkt. Irgendwie ein sehr bewegender Moment. Im Nebenraum beobachten wir wie ein Baby getauft wird und einem kleinen Jungen der Kopf fuer die Taufe rasiert wird.Ich finde die Szene sehr privat und moechte gehen, doch sofort kommt ein Inder zu uns und erklaert uns die Prozedur und fragt die obligatorische Frage "where from?" Er scheint sehr gluecklich darueber zu sein,  dass Auslaender, die Taufe von seinem Sohn ansehen wollen. Schliesslich kommen ein paar Cousins aus der Familie zu uns und kaufen uns Kokosnuesse und Gurken und essen mit uns. Wir unterhalten uns mit Haenden und Fuessen. Dann ziehen wir weiter. Es gibt eine Menge sehr schoene Gaerten auf dem Gipfel, was wohl daran liegt, dass hier die Horticultural Society ansaessig ist. Wir setzen uns auf ein Felsplateau und wollen in Ruhe unsere Zigarette rauchen. Doch daraus wird nix. Alle paar Minuten kommen irgendwelche Inder und wollen Fotos mit uns machen. Wir sind die Hauptattraktion von Nandi Hills. Eine Gruppe von 14/15 jaehrigen Muslimjungen macht eine ganze Menge Fotos mit uns irgendwann kommen sie auf die Idee "single fotos" mit dem German Girl zu machen und pruegeln sich fast darum. Also posiere ich laechelnd ca. 30 Mal und dann kehrt langsam wieder Ruhe ein. Es kommen noch immer Leute, die uns zum Essen einladen wollen oder sich unterhalten wollen. Wir haben am Ende noch Muehe zuegig wieder zum Bus zu kommen. Schliesslich sind wir wieder auf dem Weg nach Bangalore. Wir passieren die gleichen kleinen Doerfer. Je naeher wir der Stadt kommen, desto schlechter wird die Luft, die durch die offenen Fenster stroemt. Kurz vor Bangalore faengt es dann an zu regnen. Monsoonartig, aber der Regen ist eiskalt. Wir rennen ueber den klitschnassen Busparkplatz und nehmen die naechsten Rikshaw in die Stadt, um zu abend zu essen. Wir kommen durchgefroren im Copper Chimney an und essen. Am Abend falle ich einfach nur noch todmuede ins Bett. Morgen ist der letzte freie Tag, bevor die Kurse losgehen.

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17.10.2006 - Kurioses aus Indien

Meistgefahrene Automarke: Tata (was immer das sein mag)

Meistgefahrene Motorradmarke: (Hero) Honda, TVS

Meistgetrunkenes Getraenk: Chai (so suess, dass einem die Zaehne ausfallen und deshalb nur in kleinen Bechern serviert)

Exotischstes Getraenk: Saft aus der gruenen Kokosnuss (kriegt man ueberall an der Strasse)

Meistgehoertes Geraeusch: Hupe, Kraehe

Am haeufigsten ausgeuebte Taetigkeit (besonders von den Studenten): Rumhaengen

Haeufigste Antwort: Later M'am

                                   Not here at the moment

Sonnenuntergang: gegen sechs Uhr

Sonnenaufgang: gegen sieben / halb acht

Renn, wenn: Du einen Bus auf dich zu kommen siehst (die bremsen nie)

                     Du Musik hoerst, das bedeutet meistens, dass irgendwo ein Auto zuruecksetzt

 

Unnuetze Dinge, die ich bei mir habe: Hindi-Sprachfuehrer

                                                              Bodylotion (zieht nur Muecken an)

Dinge, die mir fehlen: Kamera

 

Dinge, die ich gelernt habe: Die Strasse ist ein guter Ort, um Nagarbhavi zu sitzen

                                               Die Hunde hier wollen nur was von deinem Essen haben, sind

                                               sonst aber harmlos

                                               Libellen bedeuten nicht unbedingt eine saubere Umwelt (gibts's

                                               hier wie Sand am Meer)

                                               Auch in Indien darf man eine Kuh verjagen, wenn sie zu lange

                                               vor einem Geschaeft steht

 

Nette Tiere: Streifenhoernchen, Echsen, Libellen, Schmetterlinge, Raupen

Weniger nette: Ratten, Muecken, Ameisen

 

 

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17.10.2006 - Ankunft in Indien Die erste Woche

Seit Freitag dem 13. bin ich nun also in Bangalore.

Der Kulturschock ist bis jetzt ausgeblieben. Was wahrscheinlich daran liegt, dass hier alles ziemlich genauso ist, wie man es in jedem Buch ueber Indien lesen kann. Zunaechst einmal ist es ziemlich heiss hier. Nicht so heiss, wie ich es mir vorgestellt habe (es geht hier auf den Winter zu), aber es fuehlt sich an, wie europaeischer Hochsommer. Die Strassen sind sehr schlecht hier und haben oft riesige Schlagloecher. Es liegt viel Muell herum und auf den Buergersteigen tuermen sich oftmals riesige Sandberge. Es gibt viele streunende Hunde hier. Besonders in Nagarbhavi, dem Stadtteil, in dem die Uni ist. Ich war sehr erstaunt, als eine Inderin mir erzaehlte, dass jeder dieser Hunde einen Namen habe und dass sie von den Einheimischen versorgt werden.

Als ich vom Flughafen nach Nagarbhavi gefahren bin, viel mir aus dem Taxi zunaechst der Verkehr auf. Die Strassen sind zu fast jeder Tages- und Nachtzeit vollgestopft. Die meisten Inder fahren Motorrad. Manchmal sitzen bis zu vier Personen auf einer Maschine. Dazwischen fahren einige Autos. Die Vespas und Autorikshaws sind  teilweise gefaehrlich hoch beladen. Auch der Ochsenkarren ist noch im Einsatz und Kuehe laufen sowieso ueberall herum. Alle paar Meter wird gehupt. Das kann verschiedene Gruende haben, wie zum Beispiel ein langsameres Gefaehrt zum Ausweichen zu bringen, auf sich selbst aufmerksam zu machen, Fussgaenger zu warnen oder einfach nur, um die Hupe zu testen. Manchmal werden sogar Kuehe angehupt.

Durch den ganzen Verkehr ist die Luft so schlecht, dass das Atmen teilweise echt schwer faellt. Besonders schlimm ist es, wenn man mit den Autorikshaws faehrt. Diese sind dreiraedrige Gefaehrte, die als Taxi fungieren. Dadurch, dass sie erstens offen sind und zweitens einen unglaublichen Schadstoffauststoss haben, fuehlt man sich nach einer Fahrt, wie geteert. Als wir am Mittwoch abend in die Stadt gefahren sind, sind wir zu viert in einer Autorikshaw gefahren. In Indien wird vieles im Strassenverkehr nicht wirklich ernst genommen. So fand ich unsere Rikshaw extrem vollgestopft, doch die Inder fahren teilweise mit bis zu acht Leuten darin. Auch fuenf Leute auf einem Motorrad (mit Kindern) bzw. vier Erwachsene auf einer Maschine ist sind keine Seltenheit.

Ich bin am Samstag mit einer Rikshaw auf den City Market gefahren. Das war schon ein ziemlicher Schock. Zunaechst die Fahrt selbst und anschliessend der Markt. Ich hatte mir darunter etwas touristisches wie in China vorgestellt, doch es kam ganz anders. Auf dem Markt kauft die einheimische Bevoelkerung ein und er ist riesig. Ich war die einzige Auslaenderin dort. Es ist unglaublich, was man dort alles kaufen kann. Allerdings gibt es auch nur Sachen, die die durchschnittliche Bevoelkerung braucht, also keine fake Klamotten, CDs oder Elektroartikel. Dafuer Gewuerze bis zum Umfallen. Mehrere Meter lange Gemuesestaende, mit Fruechten, die ich zum Teil gar nicht kannte. Ich bin zu einem Gemuesemann gegangen und wollte eigentlich nur drei Bananen kaufen. Am Ende bin ich mit drei Mangos, einer Ananas und fuenf Bananen weggegangen und hab dafuer nur einen Bruchteil von dem gezahlt, was bei uns eine Ananas alleine kostet. Sehr beeindruckend fand ich auch die Chilistaende. Von denen geht ein so scharfes Aroma aus, dass man im Vorbeigehen Husten muss und einem die Augen traenen.

Wie gesagt, der Markt erstreckt sich ueber mehrere Meter und besteht aus Shops in festen Gebaeuden und aus einfachen Staenden. Dazwischen stoesst man leider auch immer wieder auf die Armut, der Menschen. Abgesehen von Slums, die in der ganzen Stadt omnipraesent sind, wurde ich auch unter anderem von einer Bettlerin angesprochen. Ich war unsicher, ob ich etwas geben sollte oder nicht. Ein Haendler kam sofort zu mir und meinte, wenn man von Kindern oder arbeitsfaehigen Menschen angebettelt wird, sollte man weitergehen. Geld gibt man nur alten und kranken Menschen, die nicht mehr fuer sich selbst sorgen koennen.

Auch wenn einen beispielsweise, die Rikshaw-Fahrer uebers Ohren hauen (ich brauchte eine Viertelstunde, um einem zu erklaeren, dass ich nicht den Shop seines Bruders besuchen moechte und dass er bitte das Taxometer einschalten soll. Am Ende wusste er gar nicht, wo ich hin wollte und ich hab wahrscheinlich trotzdem noch zu viel gezahlt) wollen, sind dennoch die meisten Menschen sehr freundlich und hilfbereit hier. An meinem ersten Abend klopften um halb zehn zwei Inder an meine Tuer, die nur sagten: Dinner. Tatsaechlich hatte man nur fuer mich noch gekocht. Ca. zwei Stunden spaeter wurde ich erneut geweckt, weil man besorgt war, dass ich weder ein Handtuch noch Wasser haette und nicht wuesste, wie man die Tuer abschliesst. Claire (meine Kommilitonin) hat mich einer Inderin (Rohinni) und einem Singapuri (Nigel) vorgestellt, die sich bis jetzt sehr lieb, um mich gekuemmert haben. Auf dem offiziellen Weg erreicht man hier relativ schwer etwas. Nigel hat mit mir zusammen Kurse gewaehlt und mich heute zu einem Laden gebracht, in dem ich Bettzeug kaufen konnte (in dem auf meinem Zimmer waren Bedbugs). Rohinni ist gestern nach der Arbeit extra noch einmal zu mir gekommen. Wir sassen zusammen auf dem Dach meines Hostels und haben uns unterhalten.

Sie hat mir erzaehlt, dass sie aus dem Nordosten Indien kommt und sich nicht wirklich als Inderin fuehlt. Sie meinte, dass die Umweltverschmutzung in Suedindien sie wahnsinnig machen wuerde. Im Nordosten wird die Natur sehr gepflegt. Auch ist sie geschockt vom sog. Eve Teasing (Belaestigung von Frauen), das in Bangalore zwar nicht ganz so schlimm ist, doch durchaus noch vorkommt. In ihrer Heimat waeren Mann und Frau absolut gleichberechtigt und jeder wolle ein Maedchen haben. Das juengste Maedchen erbt spaeter den ganzen Besitz der Eltern und es waere ueblich, dass Maenner einen Grossteil der Hausarbeit erledigen, waehrend die Frauen Geld verdienen. Die Respektlosigkeit der indischen Maenner gegenueber Frauen mache sie wahnsinnig.

Insgesamt hat mich ihre Erzaehlung sehr ueberrascht, ich haette so etwas in einer so laendlichen Gegend, wie dem Nordosten Indiens wirklich nicht erwartet. Ich dachte Bangalore waere die modernste Stadt Indiens. Die Innenstadt erinnert wirklich entfernt ein bisschen an eine europaeische Grossstadt. Es gibt viele Einkaufszentren (indischer Art), auslaendische Restaurants (und amerikanische FastFood Laeden) und einige Auslaender, die beruflich oder privat in Bangalore sind. Ein Franzose, den ich getroffen hab, hat mich vor so ziemlich allem in Indien gewarnt: Den Muecken (im Moment ist Dengue-Fieber sehr stark verbreitet), dem Wasser natuerlich und selbst dem Essen.

Ich bin mit Peel it Boil it Forget it ganz gut gefahren. Wasser gibts nur in versiegelten Flaschen. Obst hab ich geschaelt gegessen und alles andere war gekocht oder abgepackt. Generell ist das Essen wirklich klasse hier. Das Obst schmeckt irgendwie anders als bei uns (suesser und saftiger). Ich war am Sonntag mit Claire, Rohinni und Nigel in einem Restaurant. Ich glaube ich habe noch nie so lecker gegessen. Es gab Fisch-Tikka (scharf gewuerzte Fischhappen), gebratene Zucchini, Reis mit Joghurt und verschiedene Brote. Das Essen fehlt mir jetzt schon. Heute abend werden wir uns in der Stadt treffen und dort essen gehen. Rohinni erzaehlt mir die ganze Zeit, dass das Essen in Nagarbhavi noch gar nichts waere. In der Innenstadt wuerde es noch viel bessere Sachen geben. Ich bin wirklich gespannt. Allerdings sagt Rohinni auch, dass sie kein wirklicher Fan von indischem Essen ist. Das Restaurant ist das wir also gehen ist auf dem Dach eines Einkaufszentrum und so piekfein, dass ich mich in Deutschland nicht reingetraut haette. Fuer das Abendessen zahle ich mit Getraenk keine fuenf Euro. Der Blick ueber das naechtliche Bangalore ist wirklich beeindruckend. Allerdings fand ich das vorherige Essen besser und zu meiner Ueberraschung essen weder Rohinni noch Nigel ein indisches Gericht. Am Mittwoch abend waren wir in einem der aeltesten Restaurants in Indien. Dabei hab ich mir auch zum ersten Mal eine ganz leichte Magenverstimmung eingefangen. Nichts schlimmes nur ein bisschen Bauchweh.

Auch soll man in Bangalore sehr gut ausgehen und feiern koennen. Allerdings scheint dafuer Sheela (das Maedchen mit dem ich das Zimmer teilen werde) die Spezialistin zu sein und die ist noch in Singapur. Rohinni erzaehlt mir, dass nach Indien kommen, um billige Drogen zu nehmen und zu feiern. Bei Auslaendern wuerde die Polizei weitesgehend weggucken, so lange sie es nicht verkaufen, sondern nur selbst konsumieren.

Ach so, noch zum Studieren. Meine Kurse fangen erst naechste Woche an. Ich habe nur vier 5th year Kurses, in denen ich keine Klausuren, sondern "nur" Papers schreiben muss. Alle haben mir gesagt, dass es sehr entspannt werden wuerde. Ich war auf jeden Fall froh, dass Claire und Nigel mir bei der Kurswahl geholfen haben. Es soll einige sehr seltsame Voegel geben. Der Professor, der mich am ersten Tag zum Registrar gebracht hat, war anscheinend einer davon. Als ich ihm sagte, dass ich glaube, dass Indien eine glorreiche Zukunft haben werde, sagte er, dass muesse so kommen, weil ein Reiki-Master das so prophezeit habe. Danach hat er mir von Operationen ohne Skalpell und Fernheilung erzaehlt. Und anschliessend meinte er, dass fast jeder in Deutschland Sanskrit koenne. Na dann...

Aufgefallen ist mir auch noch, dass man hier ganz anders mit der Zeit, in der man sich mit Leuten trifft umgeht. Auf dem Campus gilt die Regel, dass man seine Zeit nach halb zwoelf nur noch mit Personen gleichen Geschlechts verbringen darf. Um halb eins ist Curfew. Als wir am Dienstag abend aus der Stadt zurueck gekommen sind, hab ich Rohinni gefragt, ob ich die CD, die ich mir gekauft habe irgendwann auf ihrem Laptop kopieren und auf meinen MP3 Player packen kann. Sie hat mich sofort mitgenommen und obwohl sie am naechsten Morgen arbeiten musste, sassen wir bis fast zum Curfew zusammen und haben Musik ausgetauscht und uns unterhalten. Zwischendrin kamen noch andere Leute kurz rein und Rohinni meinte, dass sie durchaus oefter gegen eins oder zwei in der Nacht angerufen wird oder das Leute aus dem Hostel vorbeikommen, um sich etwas zu leihen oder um zu reden. Ich hab mich mittlerweile auch schon dran gewoehnt und bin gestern abend auch noch mal bei ihr vorbeigegangen.

 

 

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Austauschtrimester in Indien.

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